Soziale Interaktionen beeinflussen Gene und Gesundheit

Ein neues Forschungsfeld entwickelt sich dynamisch: „menschlich-soziale Genomik“

Es ist verbreitete Meinung, dass unsere Gene über die Zeit weitgehend stabil sind. Aber ein sich aktuell dynamisch entwickelndes Gebiet wissenschaftlicher Forschung belegt zunehmend, dass diese Vorstellung falsch ist.

Wissenschaftler finden zunehmend Hinweise, dass Veränderungen in der Expression Hunderter von Genen als Ergebnis unserer Kommunikation in den sozialen Umgebungen auftreten, in denen wir uns Tag für Tag aufhalten.

Als Folge dieser sozialen Dynamik können Erfahrungen, die wir am heutigen Tag machen, unsere Gesundheit für Tage und sogar Monate in der Zukunft beeinflussen.

Psychologische Forscher wie George M. Slavich und Steven W. Cole von der University of California, Los Angeles, nennen diese neue, sich entwickelnde Forschungs-Feld „menschlich-soziale Genomik“ („human social genomics“).

In einem Artikel, der gerade in Clinical Psychological Science veröffentlicht wurde, stellen sie die Hypothese auf, bestimmte Gene würden durch bestimmte sozial-ökologischen Bedingungen – vor allem durch die subjektive Wahrnehmung der Betroffenen – „eingeschaltet“ oder „ausgeschaltet“.

Slavich und Cole verweisen auf eine Reihe anderer Studien, die bereits Hinweise auf die Verbundenheit sozialer Bedingungen mit menschlichen genomischen Profilen sozialer Akteure ergeben haben.

Schon im Jahr 2007 hatte Cole festgestellt, dass sich bei sozialen Akteuren, die chronisch sozial isoliert sind, nachlassende anti-virale Immunreaktions- Genaktivitäten nachweisen lassen, welche die Betroffenen für virale Infektionen wie Erkältungen anfällig machte. Probanden der Studie zeigten außerdem eine erhöhte Expression von Genen, deren Auftreten typisch ist für Entzündung bei chronischen Krankheiten wie das metabolische Syndrom, Herzerkrankungen, für bestimmte Krebsarten und Alzheimer.

Andere soziale Bedingungen, die möglicherweise die menschliche Genexpression beeinflussen, sind soziale Schätzung oder Ablehnung. Diese haben offenbar in unterschiedlichem Ausmaß Auswirkungen für Personen – jeweils abhängig davon, wie individuell empfänglich sie für soziale Bedrohungen sind.

In ihrem Artikel, fordern Slavich und Cole zusätzliche Forschungsanstrengungen in Bezug auf weitere Arten von Genen, sowie weitere soziale Faktoren, die menschliche Gen-Expression beeinflussen könnten – wie Kultur-Zugehörigkeit, soziale Bindung, soziale Vorurteile und soziale Ungleichheit.

George M. Slavich ist Assistant Professor of Psychiatry and Biobehavioral Sciences an der University of California, Los Angeles (UCLA). Hier leitet er das Laboratory for Stress Assessment and Research (http://www.uclastresslab.org). Steven W. Cole ist Professor of Medicine and Psychiatry and Biobehavioral Sciences an der UCLA, wo er das Social Genomics Core-Laboratory leitet.

 

Ein multidisziplinäres Modell menschlicher Gesundheit in Mario Bunges aktueller “Medizin-Philosophie”

Diese Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass wir das bisher verbreitete Modell Gesundheits-relevanter Prozesse wenn nicht revolutionieren, so doch wesentlich erweitern müssen. Warum?

Wenn wir es ein wenig provokativ ausdrücken, sehen konservative Schulmediziner den Menschen weitgehend losgelöst von „Psycho- und Sozio-Klimbim“. Ihr Fokus liegt auf dem organisch-chemisch-physischen Komplex der menschlichen Existenz. Die beschriebenen Befunde aus Los Angeles passen nicht in das damit gezeichnete Menschenbild.

Der Philosoph und Wissenschaftstheoretiker Mario Bunge wird im Laufe diesen Jahres die englischsprachige Version eines neuen Buchs zum Thema veröffentlichen, das uns an diesem Punkt weiterhilft.

Er macht darin den Vorschlag, naturalistische und tendenzweise empirizistische Denkweisen in einer neuen medizinischen Perspektive aufzuheben. Er schlägt dazu vor „Bottom up-Mechanismen“ und „Top down-Mechanismen“ der menschlichen Gesundheit zu unterscheiden und in ein Gesamt-Modell zu integrieren.

So wird es möglich, ineinandergreifende organisch-chemisch-physische Prozesse und sozio-psycho-neuro-biologische Vorgänge parallel zu betrachten, zu erforschen und durch neuartige Theorien erklärbar zu machen.

Vereinfacht dargestellt können die Forschungsergebnisse von Slavich und Cole zur „menschlich-sozialen Genomik“ dadurch systematisch in folgende multidisziplinäre Perspektive eingebracht werden (durch Anklicken vergrößern):

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In seinem Buch weist Mario Bunge auf Forschungen hin, die bereits zu ähnlichen Ergebnissen führten, wie die oben skizzierten Studien zur „menschlich-sozialen Genomik“. Und zwar weist Bunge auf die in Großbritannien durchgeführten, sogenannten Whitehall-Studien hin.

Diese Untersuchungen haben unter anderem gezeigt, dass sozialer Stress am Arbeitsplatz maßgeblichen Einfluss auf Gesundheit und Lebenserwartung haben (durch Anklicken vergrößern):

 

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Quellen:

Association for Psychological Science:
http://www.psychologicalscience.org/index.php/publications/observer/obsonline/social-experiences-affect-our-genes-and-health.html

Bunge, Mario; Conceptual Issues in Medicine; McGill University, Montreal, Kanada, 2013

Clinical Psychological Science:
http://cpx.sagepub.com/content/early/2013/03/05/2167702613478594.abstract

Droste, Heinz W.; Kommunikation, Band 2: Mechanismen; Neuss 2011.

 

Text/Übersetzung/Grafik: Heinz W. Droste