Rezension: Mark Twain – Meine geheime Autobiographie

Beschreibung von Audible
100 Jahre unter Verschluss: 100 Jahre musste gewartet werden, denn Mark Twain hatte verfügt, dass seine Autobiographie, sein letztes, größtes Werk, erst 100 Jahre nach seinem Tod veröffentlicht werden darf – und er kreierte damit einen Sensationserfolg. Das Buch landete bei Erscheinen sofort an der Spitze der amerikanischen Bestsellerlisten, bislang wurden in den USA über eine halbe Million Exemplare verkauft. »Ein Buch, das ein Jahrhundert nicht veröffentlicht werden darf, gewährt dem Autor Freiheiten, die er auf keinem anderen Weg erreichen kann. Es ermöglicht ihm, Menschen so zu beschreiben, wie er sie kennt, ohne sich Sorgen machen zu müssen, ihre Gefühle oder die ihrer Söhne oder Enkel zu verletzen.«

Meine Meinung:

Ganz gespannt war ich, Mark Twains Geheimnisse zu erfahren.
Tatsächlich – er plaudert Einiges aus: welcher seiner Angehörigen sich hinter welcher Figur in seinem Tom- Sawyer-Roman verbirgt. Tante Polly ist eigentlich Twains Mutter, Cousin Sid ist sein eigener überaus braver Bruder Henry.

Wenn das keine Neuigkeiten sind!

Tragisch ist, was Twain über seine Unachtsamkeit in der Ausgestaltung seiner Vaterrolle verrät: Durch eine Kutschenfahrt in kalter Jahreszeit verursacht Twain eine schwere Erkältung seines kleinen zarten Sohns, der kurze Zeit später an der Cholera stirbt. Sehr traurig!

Außerdem verrät Twain dem Hörer indirekt, dass wir uns über die Hypotheken-Krise in den USA nicht zu wundern brauchen. Ähnliche Krisen, die zum Ruin vieler kleiner Leute führten, gab es schon zu seiner Zeit. Damals waren es Versicherungsgesellschaften, die gutgläubige Amerikaner hinters Licht führten.

Twain wettert ganz offen über die skrupellose Geldgier seiner amerikanischen Zeitgenossen, lässt kein gutes Haar an ihnen und brandmarkt ihre heuchlerische Frömmlerei. Wären seine klaren Worte schon zu seinen Lebzeiten bekannt geworden – wer weiß, ob ihn die amerikanische Nation noch als Autor lieb gehabt hätte? Dabei gießt er seinen Spott und seine Kritik nicht nur über die zu seiner Zeit verbreitete Gier, sondern auch über einen besonders tragischen Vorfall in der amerikanischen Geschichte. Anfang des 20. Jahrhunderts hat die amerikanische Armee einen ganzen wehrlosen Indianerstamm (900 Männer, Frauen und Kinder) in ein Loch getrieben und barbarisch »massakriert«. Keine einzige Person ist am Leben geblieben – kein Verletzter, kein Säugling, gar niemand. Twain ist entsetzt, während die Armee den Vorfall als ruhmvolle Heldentat hochstilisierte.

Auch wenn diese kritischen Sequenzen in der vertonten Autobiagraphie einigen Raum einnehmen, so gibt es für den Hörer vor allem Amüsantes und viele Gelegenheiten, herzlich zu lachen. Insgesamt ist das Hörbuch sehr kurzweilig. Was auffällt ist, dass die »geheime Autobiographie« recht kurz, knapp und fragmentarisch daherkommt. Ich habe deshalb recherchiert: Die vor zwei Jahren veröffentlichte gedruckte Autobiographie hat über tausend Seiten. Das Hörbuch stellt also lediglich einen zusammengeschnittenen »Torso« dar. Schade – gerne hätte ich mehr gehört.

Gelesen hat Harry Rowohlt, der es tatsächlich vermag, einen 70igjährigen, weißhaarigen Greis im Bewusstsein des Hörers sichtbar werden zu lassen. Zwei Dinge haben mich allerdings an seinem Vortragsstil irritiert. Zum Ersten überbetont er die »authentische« Aussprache der ständig auftauchenden amerikanischen Namen, was die Konzentration des Hörers tendenziell aus dem Rhythmus bringt (»Yes – We can English, too!«). Noch mehr irritiert, dass Rowohlt ein unerschütterlicher »Gute-Laune-Lese-Bär« ist. Alles ist gleichmäßig amüsant: Die witzige Sequenz über ein Duell, das Twain erspart bleibt, genauso wie 900 Indianer, die von hochgerüsteten Soldaten umgebracht werden. Das hörte sich für mich ungewollt makaber an, und ich hätte mir im tragischen Detail einen differenzierteren Vortrag gewünscht.

Hörprobe von Audible – Mark Twain
Meine geheime Autobiographie

Autor: Mark Twain
Sprecher: Harry Rowohlt
Spieldauer: 5 Stunden 15 Minuten (gekürzt)
Veröffentlicht: 2012