Nachdenken über Wissenschaft stärkt Moralempfinden

Untersuchung belegt Hypothese zur signifikanten Beziehung zwischen Wissenschaft und Moral.

Überspitzt formuliert ist das Ergebnis einer neuen empirischen Untersuchung zur Moralität von Individuen, dass die Beschäftigung mit Wissenschaft „ein guter Weg sein könnte, ein besserer Mensch zu werden“.

Eine erstaunliche Hypothese angesichts der jahrzehntelang von deutschen Intellektuellen wie etwa Jürgen Habermas behaupteten Entfremdungs-Wirkung von Wissenschaft (Wissenschaft = Ideologie des Kapitalismus). Die Realität straft diese Autoren, die insbesondere die 68er-Generation tief geprägt haben, möglicherweise Lügen: Wissenschaftliches Denken scheint demgegenüber empfänglich für ethische Diskurse und moralische Erwägungen zu machen.

„Wissenschaft“ hat moralische Konnotationen.

Neu veröffentlichte Forschungen deuten in diese Richtung. Ergebnis ist im Einzelnen, dass Menschen, die empirische Wissenschaften studieren oder sich in anderer Weise mit wissenschaftlicher Forschung auseinandersetzen, eine signifikant größere Neigung zeigen, unethisches Verhalten zu verurteilen sowie eine stärkere Tendenz aufweisen, anderen zu helfen.

„Nachdenken über Wissenschaft führt Individuen dazu, stringente moralische Normen zu unterstützen“, berichten die Psychologen Christine Ma-Kellams der Harvard University und Jim Blascovich der University of California, Santa Barbara (UCSB). Ihre Forschung wurde in der Online-Zeitschrift PLOS ONE veröffentlicht. Die Forscher beschreiben in diesem Artikel vier Experimenten, die alle an der UCSB durchgeführt wurden.

Bei der ersten Studie bekamen 48 Studenten einen Kurzbericht über eine Vergewaltigung vorgelegt (dabei nötigt ein John eine Sally zu „nicht-einvernehmlichen Sex“). Die Probanden wurden aufgefordert, Johns Verhalten auf einer Skala von 1 (vollkommen gerechtfertigt) bis 100 (völlig falsch) zu bewerten.

Im Anschluss wurden die Teilnehmer zu einigen persönlichen Daten befragt – unter anderem zu ihrem Hauptstudienfach. Das Experiment schloss mit der Frage,„Wie stark glauben Sie an Wissenschaft?“. Hier sollten die Studenten ihre Antworten auf Ordinalskala zwischen eins und sieben festhalten.

Religiosität hilft nicht in moralischen Zweifelsfällen.

Die Forscher konnten keinen signifikanten Zusammenhang zwischen der Religiosität oder der ethnischen Herkunft der Teilnehmer auf der einen Seite zu ihrer Beurteilung von Johns Handeln auf der anderen Seite feststellen. Stattdessen beobachteten sie einen Zusammenhang zwischen der Entschiedenheit der Ablehnung der Vergewaltigung und des belegten Hauptfachs: Die in empirischen Wissenschaften (u.a. Biologie, Chemie und Psychologie) eingeschriebenen Studenten äußerten sich klarer moralisch und kritisierten die Vergewaltigung entschiedener als die Geisteswissenschaftler.

In drei anschließenden Experimenten haben die psychologischen Studienleiter die Ergebnisse des ersten Experiments weiter vertieft. Sie ergründeten dabei, inwieweit im Bewusstsein aktivierte Begriffe der empirischen Wissenschaften wie „logisch“, „Hypothese“, „Labor“, „Wissenschaftler“ und „Theorie“ moralisch-ethische Beurteilungen spontan beeinflussen und „Konditionierungswirkung“ in Bezug auf moralische Urteile entfalten könnten.

Das Ergebnis der Studie erscheint auf den ersten Blick kontraintuitiv – unsere Vorstellung von Wissenschaft ist in der Regel die von einer Domäne ohne direkte Verbindung zur Moralität. Aber Ma-Kellams und Blascovich argumentieren, dass Wissenschaft in der Vorstellungen von Personen über besondere Konnotationen verfügt.

 „Wir nehmen an, dass Menschen über ein Bild oder eine Vorstellung von ‚Wissenschaft‘ verfügen, die mit Konzepten von ‚Rationalität‘, ‚Unparteilichkeit‘, ‚Fairness‘ und ‚technologischem Fortschritt‘ verbunden sind“, schreiben sie. „Dieser Begriff der Wissenschaft enthält eine umfassende moralische Vision von einer Gesellschaft, in der Rationalität zum gegenseitigen Nutzen aller eingesetzt wird.“

Anders ausgedrückt, vermuten die beiden Psychologen die Wirkung einer Wissenschafts-idealisierenden Gemütsverfassung, die Menschen die Welt nach den Kriterien eines zu verwirklichenden Gemeinwohls beurteilen lässt.

Mit Blick auf ihre Studienresultate merken die Forscher abschließend an, dass es sich hierbei um vorläufige Ergebnisse handelt, die durch weitere systematische Untersuchungen zu prüfen und zu ergänzen sind.

Fazit: Denken der Postmoderne-Autoren steht Kopf.

Unser eigenes Fazit:

Auch wenn die gefundene Verbindung von Wissenschaft und Moralität auf den ersten Blick als verblüffend erscheint, gab es gewisse Hinweise aus anderer Richtung, an die wir uns hier kurz erinnern:

So hatte Bertrand Russell – selbst ein Vorbild wissenschaftlichen Denkens und des mutigen Kämpfens für Menschenrechte und Frieden – in seinem berühmten Vortrag „Warum ich kein Christ bin!“  festgestellt, dass beispielsweise das Bekenntnis zum Christentum moralisches Verhalten und Moralität eher verhindert, als es diese fördert.

An der postmodernistischen Position Habermas‘ und seiner Anhänger ist wiederholt kritisiert worden, sie verwechselten den Begriff der Wissenschaft mit dem der Technologie. In der Tat hat die Technologie als Domäne keinen moralischen Wert und wird häufig durch diejenigen, die über sie verfügen, zur Realisierung eigennütziger Motive genutzt, die dem Gemeinwohl schaden können. Wissenschaft demgegenüber, die Domäne des Suchens nach Wahrheit und des Teilens dieser Wahrheit mit allen an Wissen Interessierten, trägt diesen Makel nicht. Sie hat stattdessen das Potenzial, die Konnotationen zu tragen, auf welche die beiden Psychologen in Santa Barbara gestoßen sind.

Die Wissenschafts-Kritik der postmodernistischen Autoren leidet also offenbar an fehlendem Bezug zur psychischen und sozialen Realität und der Verwechslung zweier grundverschiedener Tatbestände.

 

Quellen:

Bunge, Mario; Evaluating Philosophies; Dortrecht, Heigelberg, New York, London 2012

PLOS/one:

http://www.plosone.org/article/info%3Adoi%2F10.1371%2Fjournal.pone.0057989

Pacific Standard:

http://www.psmag.com/blogs/news-blog/thinking-of-science-strengthens-moral-fiber-54070/

Russell, Bertrand; „Why I Am Not A Christian“ …and Other Essays on Religion and Related Subjects; London, 1957

 

Autor, Übersetzung: Heinz W. Droste