Egoisten schädigen die Ökonomie – neues Wirtschaftsdenken erforderlich

Altruistische Bestrafer verfolgen Egoisten

Revision des ökonomischen Menschenbildes

Empirische Wissenschaftler haben in den letzten Jahren nicht nur gezeigt, dass das klassische Menschenbild unzutreffend ist. Sie haben darüber hinaus einen komplett neuen Entwurf einer Wirtschafts–Anthropologie vorgelegt, dem wir uns nun zuwenden wollen. Dazu gehen wir auf die Untersuchungen ein, die am Institut für Empirische Wirtschaftsforschung der Universität Zürich von Mitarbeitern rund um den österreichischen Wirtschaftswissenschaftler Ernst Fehr unternommen wurden.

Die Forscher fanden unter anderem heraus, dass reiner Egoismus bei Wirtschaftsakteuren eine Ausnahmeerscheinung darstellt und egoistisches Verhalten im Wirtschaftssystem keineswegs vorherrschend ist.

Ihre Forschungen ergaben, dass die Orientierung von Wirtschaftsakteuren
sehr unterschiedlich sein kann. Es treten im Wirtschaftsleben beide Extreme
auf:

Es gibt radikal egoistisches und radikal altruistisches Verhalten. Allerdings
sind die meisten Akteure »Kooperateure« oder so genannte »Reziprokateure«,
nämlich Personen, die längst nicht nur ihren eigenen Nutzen im Auge haben,
sondern genau darauf schauen, wie sich andere Marktteilnehmer verhalten.


Gängiges Handlungsmodell im Umbau

Im Einzelnen brachten ihre Ergebnisse die schweizer Forschergruppe dazu,
das bisher gängige Handlungsmodell in der Ökonomie umzubauen. Sie leiteten
die wahrscheinlich seit Jahrzehnten folgenreichste Wende des ökonomischen
Paradigmas ein. Und zwar revidierten sie die Hauptannahmen hinter
dem oben skizzierten Modell des ökonomischen Mainstreams:

1. Alle Wirtschaftssubjekte sind rational – was immer die Ziele eines Wirtschaftssubjekts sind, es setzt die besten Mittel zur Erreichung dieser Ziele ein.

2. Alle Wirtschaftssubjekte sind eigennützig, das heißt, sie sind ausschließlich an
der Maximierung des materiellen Eigennutzens interessiert.

Diese beiden Punkte revidierten sie folgendermaßen:

*1. Ein substanzieller Anteil der Wirtschaftssubjekte handelt situationsweise nicht rational.

*2. Ein substanzieller Anteil der Wirtschaftssubjekte ist nicht nur an der Maximierung des materiellen Eigennutzens interessiert, sondern hat soziale und altruistische Präferenzen und Ziele.

 

Die Forscher ziehen insgesamt die Schlussfolgerung:

Während sich die ökonomische Handlungstheorie in der Vergangenheit
als »Königin der Sozialwissenschaften« feiern ließ, zeigt sich heute, dass sie
zwar über elegante Theorien und Modelle verfügt. Diese haben aber zu wenig
Anwendbarkeit in der Realität – sie konstruieren mit ihren Theorien lediglich
ein »Königreich« außerhalb der ökonomischen Wirklichkeit.

Von ihrem eigenen revidierten Konzept erhoffen sich die Forscher in Zürich,
ein Paradigma gefunden zu haben, das in Zukunft ein besseres Verständnis
von Unternehmen, von Marktverhalten, von Politik und Gesellschaft ermöglicht.
Diese verbesserte Leistung erwarten sie aufgrund der Verbesserung der
ökonomischen Theorie auf der Basis von empirischem Wissen, das sie aus
Psychologie und Soziologie beziehen und in die ökonomische Theorie integrieren.

Was ist im Kern nun anders am revidierten Menschenbild dieser empirischen
Wirtschaftswissenschaftler?

Ihre empirische Wirtschafts–Anthropologie behauptet, dass sich die meisten
Akteure so lange altruistisch verhalten, als sich die anderen Marktteilnehmer
auch so verhalten. Wirtschaftsakteure verhalten sich ihrer Meinung
nach in dieser Weise stark reziprok. Damit verbunden sehen die empirischen
Wirtschaftsforscher die Bereitschaft von Marktteilnehmern, andere Akteure
zu bestrafen, die sich weigern, reziprok zu handeln, und sich stattdessen als
»Trittbrettfahrer« einseitig auf Kosten anderer Nutzen verschaffen.

Das bedeutet, Wirtschaftsakteure sind »altruistische Bestrafer«, die für ihre
Bestrafungsinitiativen und –handlungen zur Verteidigung kollektiven Nutzens
sogar Kosten und Mühen in Kauf nehmen, ohne dafür wiederum irgendeine
Belohnung zu erwarten. Die Forscher vermuten, dass aufgrund von altruistischem
Bestrafungsverhalten in Wirtschaftssystemen ein kooperatives Verhalten
sui generis zu Stande kommt.

Kooperatives Verhalten ist störanfällig.

Dieses kooperative Verhalten hat aber die Tendenz gestört und schließlich
zum Erliegen zu kommen, wenn in Handlungssituationen egoistisches Verhalten
auf Kosten Anderer nicht unmittelbar sanktioniert wird. Wenn Akteure
keine Möglichkeit haben, Egoisten umgehend zu stoppen, sehen sie sich
gezwungen, ihr ursprünglich altruistisches Verhalten und ihre Reziprokität
abzulegen, um sich vor Schaden durch unsanktionierten Egoismus von Trittbrettfahrern zu schützen.

 

Auszug aus:

Heinz W. Droste: Kommunikation – Planung und Gestaltung öffentlicher Meinung; Band 2: Mechanismen – Kapitel 10 – Anthropologie der Konzeptionstechnik: Motivation – Basis menschlicher Kommunikation; S. 297-299